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Strassenlärm
Otilia Lütolf, Vorstand Lärmliga

Dr. med. Ottilia Lütolf Elsener,
Fachärztin FMH Angiologie/Innere Medizin

Urtümliche Stressreaktion auf moderne Krachmacher hat fatale Folgen

Lärm ist störender Schall. Er löst bei Erwachsenen und Kindern Stressreaktionen aus wie zur Steinzeit: Die ausgeschütteten Stresshormone steigern die Atem- und Herzfrequenz, damit die für die Flucht wichtigen Organe – das Gehirn und die Muskulatur – maximal mit Sauerstoff versorgt werden. Als einmalige Notreaktion ist dieser Mechanismus lebensrettend. Chronisch wiederholte Stressreaktionen jedoch schädigen die Gefässe aller Organe. Das kann längerfristig kardio-vaskuläre, metabolische und psychische Erkrankungen verursachen.

Jeder fünfte Erwachsene, also rund 1,5 Millionen Menschen leben in der Schweiz an einem Ort mit Lärm, der über den Grenzwerten liegt. Diese betragen für den Bereich Wohnen tagsüber maximal 55 und nachts maximal 45 Dezibel. Durch diese chronische Lärmexposition gehen pro Jahr 46‘000 gesunde Lebensjahre verloren auf Grund von psychischem Unwohlsein, Depressionen, Diabetes mellitus, Herz- und Hirninfarkten bis hin zu frühzeitigem Tod. Laut SiRENE-Studie sterben jedes Jahr 500 Menschen in der Schweiz an einem Lärm induzierten akuten Herzinfarkt. Das sind drei Prozent aller akuten Infarkte pro Jahr.

Lärm führt zu Entwicklungsdefiziten bei Kindern

17,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sieben und 19 Jahren leben mit chronischem Verkehrslärm, der die lebenswichtige nächtliche Erholung verhindert – sie ist auch für die Hirnentwicklung essentiell. Dieses Defizit führt längerfristig zu Konzentrationsschwächen und Leistungsverminderungen mit z.B. verzögerter Lesefähigkeit von einem ganzen Monat. Dieses Defizit kann laut NORAH-Studie bis zum Ausbildungsende nicht kompensiert werden. Ebenso werden die kognitiven Leistungen negativ beeinflusst, was vermehrte ADHS auslösen kann. Lärminduzierter hoher Blutdruck und Diabetes mellitus sind bei Kindern Gründe, die frühzeitige Herz- und Hirninfarkte prädestinieren.

Lärm führt zu Stress und verschliesst Blutgefässe

Die SiRENE-Studie konnte nachweisen, dass der Lärmcharakter – kurz IR für Intermittency Ratio – den Wirkungsgrad von Lärm beeinflusst. Häufige Lärmereignisse ohne Ruhephasen sind deutlich schädlicher als ein kontinuierlicher Lärm oder seltene Ereignisse. Schlaf ist aber eine essentielle Grundlage für Gesundheit und Lebensqualität. Während optische Reize durch geschlossene Augen weitgehend ausgeschlossen sind, bleibt das Gehör auch im Schlaf aktiv, bei Erwachsenen und bei Kindern. SiRENE konnte auch nachweisen, dass nächtlicher Lärm bereits unterhalb der aktuell geltenden Grenzwerte akute Herzinfarkte auslösen kann. Dass Menschen mit akuten Myokardinfarkten in frühen Morgenstunden in die Spitäler eingeliefert werden, ist uns Medizinern bestens bekannt. Der durch Lärm gestörte Schlaf und die fehlende Erholung können somit eine weitere Ursache für diese Ereignisse sein.

Durch wiederholten Stress verlieren die Gefässe an Elastizität, die Plastizität nimmt ab – das nennt sich Stiffness. Die Ausbreitung der Pulswelle ist dadurch verzögert. Diese Abnahme des Pulsatilitätsindexes ist mir als Angiologin ein bekanntes Frühzeichen einer beginnenden Atherosklerose. Neu zeigen SiRENE Resultate, dass auch Lärm diese Veränderungen auslösen und somit Grundlage der Atherosklerose sein kann.

Mehr Akzeptanz im klinischen Alltag

Chronischer Lärm als Ursache für Krankheit und Tod ist im klinischen Alltag der Medizin noch nicht angekommen. So wurden in einem Artikel in «Primary and Hospital Care» vom Februar 2021 14 mögliche Ursachen für Schlafprobleme aufgeführt. Lärm war nicht dabei. Das ist unverständlich. Das fehlende Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Lärm, Krankheit und Tod liegt möglicherweise daran, dass wir weder in den hausärztlichen noch in den spezialisierten Arztpraxen – Kardiologie, Angiologie, HNO, Psychiatrie etc. – Lärmpatienten betreuen.

Forderungen an die Medizin: Obwohl seit den erwähnten Studien endlich auch renommierte Journals über Lärm als Gesundheitsrisiko publiziert haben (z.B. „Noise exposure and dementia: a rising concern in ageing populations», BMJ 2021;374:n2120), muss die Ärzteschaft vermehrt auf Lärm als Krankheitsverursacher sensibilisieren werden. Die Lärm- Anamnese muss Bestandteil jeder Anamnese sein. Lärm und seine Krankheitsfolgen müssen einen festen Bestandteil in der medizinischen Ausbildung werden.

Forderung an die Politik: Die Lärmschutzverordnung (LSV) muss konsequent umgesetzt werden. Ihr Vollzug beginnt mit Priorisierung des Lärmschutzes bereits in der Planungsphase. Alle Lärmarten müssen mit neuen Mobilitätskonzepten, z.B. Car-Sharing analog zu Bike-Sharing, reduziert werden. Vermehrte Ruhezonen in Wohnquartieren sollten Standard sein, weil Ruhezonen die psychische und physische Gesundheit fördern.

 

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SiRENE-Studie

SiRENE steht für Short and Long Term Effects of Transportation Noise Exposure und ist ein seit 2014 laufendes Schweizer Forschungsprojekt. Es kombiniert Versuche im Schlaflabor mit epidemiologischer Forschung, Bevölkerungsbefragungen und aufwändigen akustischen Berechnungen und Modellierungen. Hauptziel der SiRENE-Studie ist die Untersuchung der Kurz- und Langzeitwirkungen des Verkehrslärms auf die Schweizer Bevölkerung.

Die SiRENE-Studie wird von der Eidgenössischen Kommission für Lärmbekämpfung (EKLB) begleitet. Die Resultate der Studie werden dereinst eine wichtige Grundlage bilden für die Überprüfung der Lärmgrenzwerte in der Schweizerischen Lärmschutzverordnung (LSV).

www.sirene-studie.ch

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