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Strassenlärm
Martin Looser, Rechtsanwalt, Vize-Präsident

Martin Looser

ist Umweltanwalt und Vizepräsident der Lärmliga. Er geht oft zu Fuss durch die halbe Stadt, und wenn nicht, fährt er Elektroauto oder Velo.

Tempo 30 nimmt Fahrt auf

Paris, Lausanne, Zürich – in Europa und der Schweiz führen immer mehr Städte Tempo 30 zum Schutz der Menschen vor den gesundheitlichen Folgen des Strassenlärms ein. Der Widerstand ist zum Teil gross. Viele bezweifeln die Wirkung und verstehen die Temporeduktionen nicht.

«Tempo 30 ist ein wirksames Instrument, um auf den Strassen innerorts für mehr Sicherheit und Ruhe zu sorgen und die Wohn- und Aufenthaltsqualität zu steigern.» So lautet ein Teil von Gabriela Suters Begründung in ihrer parlamentarischen Initiative vom 19. März 2021. Die Nationalrätin ist Präsidentin der SP Aargau und der Lärmliga Schweiz.

Tatsächlich ist Tempo 30 eine nachhaltig wirksame und kostengünstige Massnahme gegen Strassenlärm – und eine, die sich rasch umsetzen lässt. Die bloss scheinbare Geschwindigkeit bei der Umsetzung von Temporeduktionen überrascht heute viele. Einsprachen vergeuden aber oft Jahre, in denen Betroffene ungeschützt bleiben. Dabei ist der Lärmschutz bereits seit 1987 «verordnet» (LSV). Viele Kantone und Gemeinden haben es über 30 Jahre lang verschlafen, die nötigen Massnahmen zu treffen: 2018 lief die Sanierungsfrist ab. Jetzt läuft eine Art Galgenfrist.

Lausanne macht's vor

Apropos schlafen: Seit dem 13. September 2021 setzt Lausanne auf Nachtruhe. Auf 122 Strassen dürfen Motorfahrzeuge nachts noch 30 Stundenkilometer fahren. 33'000 Lärmbetroffene sind dadurch besser geschützt. Denn Lärm macht krank – Hauptverursacher ist mit Abstand der Strassenlärm. Neben Stress führt er zum Beispiel zu Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes. 1,1 Millionen Menschen sind laut BAFU betroffen.

Lärm ist primär durch Massnahmen an der Quelle zu bekämpfen – so will es das Umweltschutzgesetz (USG). Mit anderen Worten: Lärm soll möglichst gar nicht entstehen. Massnahmen sind daher in erster Linie an der Strasse und an den Fahrzeugen zu ergreifen. Tempo 30 vermindert das Rollgeräusch und reduziert die Zahl und Intensität von Beschleunigungs- und Bremsvorgängen. Ganz im Sinne des USG vermindert Tempo 30 also Lärm am Ort seiner Entstehung.

Lauter Widerstand

Die Intensität des Widerstands gegen Massnahmen wie Tempo 30 ist erstaunlich. Er macht den Eindruck, der öffentliche Raum gehöre unverhandelbar dem motorisierten Individualverkehr (MIV) und Tempo 30 würde den Autofahrenden wegnehmen, was ihnen zusteht. Diese Sichtweise steht eindrücklich im Kontrast zu den Gegebenheiten auf den Strassen in den Städten und auf dem Land.

In der Stadt Zürich kommt Widerstand gegen Tempo 30 von überraschender Seite. Der öffentliche Verkehr, die VBZ, rechnet mit 20 Millionen Franken Zusatzkosten jährlich. Nur: Strassenlärm kostet in der Schweiz jährlich über zwei Milliarden Franken. Für die Stadt Zürich liegen die effektiven Strassenlärmkosten um ein Vielfaches höher als die geschätzten Zusatzkosten für den städtischen ÖV. Falls diese tatsächlich anfallen, sind sie also eine Investition in die Gesundheit der 140’00 Betroffenen.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Der MIV dominiert heute überall, wo gelebt und gearbeitet wird: Parkplätze, Strassenraum, Lärm, Luftverschmutzung und Gefahren vor allem für den Fuss- und Veloverkehr. Die Zahl der Kilometer, die motorisierte Fahrzeuge auf Schweizer Strassen zurücklegen, nimmt jedes Jahr zu. Die Prognosen des Bundes deuten für die Zukunft auf eine weitere Steigerung. Damit einher geht eine weitere Zunahme der Lärmprobleme. E-Autos werden diese Probleme nicht lösen, denn ab einer Geschwindigkeit von rund 30 Stundenkilometern dominiert das Rollgeräusch und das Motorengeräusch tritt in den Hintergrund.

Selbst wenn alle Lärmsanierungsmassnahmen umgesetzt sind, die heute diskutiert werden, wird der MIV den öffentlichen Raum weiterhin stark prägen. Wer behauptet, die Autofahrenden würden mit Tempo 30 aus der Stadt verdrängt und es gehe bei Lärmsanierungsmassnahmen nur um Ideologie, offenbart selbst seine Gefangenheit in einer ideologischen Abwehrhaltung. Tempo 30 ist nachweislich ein Instrument, um die Lärmbelastung zu vermindern. Vor dem Vorwurf der Ideologie sollte also die Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Grundlagen stattfinden.

Ein Teil auf dem langen Weg der evidenzbasierten Lärmbekämpfung ist nun mal Tempo 30 – wenn auch nicht als einziges, aber wirksames, günstiges und schnelles Mittel zum Schutz der Gesundheit von mindestens 1,1 Millionen Menschen und zur Verminderung von jährlichen Kosten von 2,1 Milliarden in der Schweiz.

Diskutieren Sie mit? Was meinen Sie zu unserem Blogbeitrag? Was halten Sie von Tempo 30?

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