Leiser_Blog

(Kommentare: 3)

Pneus machen Lärm
Sophie Ribaut, Vorstand Lärmliga

Christian Keller,
Geschäftsführer VCS Aargau

Lärmen ist kein Menschenrecht

Der alltägliche Lärm der Strasse ist für viele so selbstverständlich, dass er hingenommen wird wie ein Naturereignis. Man klagt zwar ein bisschen, doch das wars dann auch schon. Corona hat das geändert. Wie im Lockdown die Welt um uns herum stiller wurde, dröhnten die verbliebenen Motoren umso lauter. Dann geschah es: Wie aus dem Nichts erhob sich ein Protest gegen die Lärmexzesse der Strasse.

Der Protest galt der Poser- und Tunerszene, jenen Autofans, die sich mit Leidenschaft dem Design von Blech und Schall ihres liebsten Spielzeugs widmen, und das oft ohne jede Rücksicht auf jene, die das Ergebnis ihres Hobbys ertragen müssen. Was bislang eine Randerscheinung im Alltagslärm war, stand plötzlich im Rampenlicht. Die Klagen über den Lärm häuften sich, Petitionen bündelten den Protest, Medien thematisierten die Poserszene und Parlamentarierinnen witterten die Chance, sich mit einem populär gewordenen Anliegen zu profilieren.

Laut Sirene-Studie (2014) verursacht lärmbedingter Stress in der Schweiz jährlich 500 Todesfälle durch Herzkreislauf-Erkrankungen und 2500 Diabetes-Erkrankungen. Doch dies genügt offenbar nicht, um Fahrzeuge zu verbieten, die mehr Lärm als nötig verursachen. Nein, für manche Fahrzeugtypen gilt der Sonderstatus «Sportwagen – Licence to Lärm». Absurd! Die rechtsbürgerlich dominierte Politik im eidgenössischen Parlament hat wirksame Massnahmen gegen Lärm bisher stets verwässert, unterlaufen und verhindert.

Nur die Spitze des Eisbergs

Es war der Lärm der anderen, der plötzlich auch jene tolerante Mehrheit zu stören anfing, die mit dem eigenen Lärm ganz unbefangen umzugehen weiss. Gerne wurde darauf hingewiesen, dass nicht die Fahrzeuge das Problem seien, sondern das Problem hinter dem Lenkrad sitze. Dass dieser Auswuchs der Autosucht in unserer Gesellschaft immer noch toleriert wird, obwohl längst erwiesen ist, dass Lärm krank macht, ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass auch nicht manipulierte Motorfahrzeuge Lärm machen und stören, und zwar vielerorts praktisch rund um die Uhr. Solange die Fahrzeuge immer mehr und immer schwerer und die Pneus immer breiter werden, steigt auch der Grundpegel an. Auch Elektromobilität schafft da keine Abhilfe. Das Herabsetzen der Höchstgeschwindigkeit innerorts wäre eine wirksame Massnahme, die fast gratis zu haben ist und als Nebeneffekt erst noch die Sicherheit erhöht. Doch die Politik weigert sich, die heisse Kartoffel anzufassen.

In der Stille des Lockdowns ist ein gesellschaftlicher Konsens gewachsen, dass es kein Menschenrecht gibt, die Mitwelt mit vermeidbarem Lärm zu terrorisieren. Es gilt jetzt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Lärmposer nicht das einzige Problem sind, sondern nur die Spitze des Eisbergs. Politik und Behörden stehen in der Pflicht, sich des Problems endlich anzunehmen und den Lärm an der Quelle zu bekämpfen – mit technischen Vorschriften, mit tieferen Geschwindigkeiten, mit Massnahmen gegen immer schwerere Fahrzeuge und einem beherzten Durchgreifen gegen das absichtliche Verursachen von vermeidbarem Lärm.

Diskutieren Sie mit? Was meinen Sie zu unserem Blogbeitrag? Finden Sie auch, dass Politik und Behörden endlich eingreifen sollten?

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Hansueli Trüb |

Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb Personenwagen immer grösser, schwerer, lauter - und damit auch gefährlicher - werden müssen. Eigentlich müssten sich auch die Versicherungen dagegen wehren. Ein einfaches und sehr wirksames Gegenmittel (neben den Tempobeschränkungen) ist, den Import, Verkauf und Betrieb von SUV's zu verbieten.

Kommentar von Peter Ettler |

Verbote von bestimmten Fahrzeugen wie SUVs sind Symptombekämpfung. Für den Moment durchaus wirksam, aber was ist, wenn PS-starke Motoren und Klappenauspuffe als Reaktion auf ein solches Verbot in ganz normale PWs eingebaut werden? Soll man die dann auch verbieten?

Das Verbot sollte sich nicht auf bestimmte Fahrzeuge beziehen, sondern auf bestimmte Eigenschaften derselben, die für die Strassenanwohnenden schädlich oder lästig sind. Deshalb fordert die Lärmliga Schweiz, dass die Maximalpegel der Motorfahrzeuge gemäss den EU-Normen in keinem Betriebszustand überschritten werden dürfen und dass die besonders lästigen Knattertöne auch unterhalb der genannten Maximalpegel verboten werden.

Kommentar von Eva Rieder |

Ich habe absolut kein Verständnis für die lärmenden ps starken Motoren jeglicher Art, ob in Form von Auto oder Motorräder. Wir wohnen seit 18 Jahren an einer Hauptstrasse, damals war der Lärm normal erträglich, heute ist es unerträglich geworden, es macht krank, niemand unternimmt etwas, ausgenommen die Fahrer der Autos und Töffs, die glauben ihr Selbstwertgefühl hochschrauben zu müssen in allen Varianten. Verstehe die Politik schon lange nicht mehr, warum man sowas zulässt, obwohl der Lärmpegel gesamt schweizerisch auch, ohne diese Spielereien schon gross genug wäre.

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 5 und 9?