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(Kommentare: 3)

Strassenlärm
Nicole Esther Baumann

Nicole Esther Baumann,
Naturärztin TCM/TEN,
Vorstand Lärmliga

Bitte lächeln, obwohl es nichts zu lachen gibt

Zwei technische Innovationen messen Lärm statt Tempo auf der Strasse. Während die Lärmsmileyes den ruhigen Fahrer*innen ein Lächeln schenken, sollen Lärmblitzer künftig die gleiche Funktion übernehmen, wie ihre Pendants bei Geschwindigkeitsmessungen – also die Sanktion von Vergehen. Und: Während die Smileys bereits im Einsatz sind, sind die Blitzer umstritten.

Wie umstritten Lärmblitzer sind, zeigt ein Beispiel aus dem Kanton Baselland. Anfang 2020 hat sich das Kantonsparlament – der Landrat – knapp mit 42 zu 41 Stimmen gegen die Anschaffung dieses Messinstruments ausgesprochen. Wer das Sitzungsprotokoll liest, wähnt sich im falschen Film. Da geht es um Hells Angels, Rocker Rowdies und Easy Riders – Erinnerungen der Land- und Regierungsräte. Die Debatte sprühte voller männlicher Urenergie und nostalgischer Rücksichtslosigkeit.

Unnötiger Fahrzeuglärm ist en vogue

Heute verabreden sich Clubs jeglicher Lärmqualität per Facebook & Co. und brausen los. Das hochgeschraubte Motorengeräusch dieser «technischen Wunder» lässt viele Herzen höherschlagen – leider auch diejenigen der Menschen, die unter diesen Lärmwellen leiden. Tatsächlich führt der plötzlich auftretende Lärm zu Stress und seinen Folgen wie hoher Puls, Bluthochdruck, zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Von den psychosozialen Folgen mal ganz abgesehen. Bei den Argumenten des FDP-Fraktionspräsidenten Andreas Dürr während der Debatte im basellandschaftlichen Parlament vergeht Lärmbetroffenen das Lachen subito. Er lässt das massive Gesundheitsrisiko und die Not der von Strassenlärm betroffenen Menschen zur Comedy Show verkommen. Eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen, ist dieses Risiko doch längst mit diversen Studien wissenschaftlich belegt.

Hauptsache überall Lärm

In der Schweiz sind 1,1 Millionen Menschen von übermässigem Strassenlärm gefährdet. 500 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Lärms. Von den jährlichen Kosten des Verkehrslärms von 2,7 Milliarden Franken gehen 80 Prozent auf die Kappe des Strassenverkehrs. Die Krach- und Krankmacher liessen sich mit Lärmblitzern entweder zur Kasse bitten oder ganz verhindern.

Die «ganz marginale Randerscheinung», wie Andreas Dürr laute Motorradfahrer bezeichnet, mäandert in Geschwadern von gut und gern über fünfzig Fahrzeugen durch die Basel-Landschaft, über Hügel und durch Täler und macht selbst grenznahe Nachbarn stinkig. Im Fokus steht die Lebensfreude: Den Knopf drücken und den Motor, die Soundanlage oder beides röhren lassen. Ohne Messungen ist solches Verhalten nicht sanktionierbar, ja es wird sogar befeuert. Was Landrat Peter Brodbeck als «blubberndes Geräusch der vorbeifahrenden älteren Herren auf ihren Motorrädern, welches Freude bereitet» bezeichnet, ist für Anwohner:innen eine schiere Zumutung. Übrigens fahren auch ältere Damen und andere Generationen.

Verkehrter Freiheitsbegriff auf der Strasse

Betroffene wundern sich über die Faszination der Geniessenden: Ist es das schwebende Gefühl? Das Vorbeisegeln der Landschaft? Sind es die Vibrationen des ohrenbetäubenden Lärms? Die Helme und Kabinen sind serienmässig schallgedämmt, den eigenen Krach nehmen die Verursachenden kaum wahr. Dabei sagte schon der Schweizer Schriftsteller, Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau: «Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.» Heute herrscht auf der Strasse das Gegenteil: Die Fahrer:innen tun, was sie wollen und die Betroffenen müssen den krankmachenden Lärm hinnehmen, obwohl sie das nicht wollen.

Petition gegen übermässigen Strassenlärm

Wo man die Messgeräte bloss aufstelle, fragt sich Landrat Marc Schinzel. Die Antwort ist einfach: Der Kanton Baselland führt ein Lärmkataster, dort ist der Durchschnitt des gemessenen und errechneten Lärms zu finden: www.geoview.bl.ch. Lärmgeplagte Gemeinden würden die Geräte für diese Stellen bestimmt gerne mieten. Landrätin Andrea Heger sieht darin sogar ein innovatives Geschäftsmodell, das die Kosten der Lärmsanierungen mitträgt. Doch selbst das wirtschaftliche Argument versiegt im Kantonsparlament. Immerhin hat die Lärmliga Schweiz am Tag gegen Lärm 2021 eine Petition im Bundeshaus eingereicht: Lenker:innen von Autos und Motorrädern sollen nicht mehr als 81 Dezibel Lärm produzieren. Dafür braucht es harte Grenzwerte und Lärmblitzer. Daran tüfteln derzeit zwei Schweizer Firmen zusammen mit der ETH Lausanne (EPFL).

Bewegung dank Vernetzung

Bis die Petition mit 17'000 Unterschriften greift, beissen Lärmbetroffene weiterhin die Zähne zusammen, montieren nachts die Ohrpfropfen, helfen sich mit Baldrian und fragen sich, wie sie angesichts dieser Aussichtslosigkeit bei Verstand und Gesundheit bleiben sollen. Einen Joint rauchen wäre das eine, womit man sich im Gegensatz zu den Krachmachern strafbar macht – sich als Mitglied bei der Lärmliga Schweiz vernetzen das andere, was völlig legal ist.

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Kommentar von Markus Sigrist |

Erbärmlich und peinlich, was sich die Volksvertreter im Kanton Baselland leisten. Wenn ein solch wichtiges Thema wie Lärm von den SVP- und FDP- Vertretern so ins Lächerliche gezogen wird, sind sie ihrem Amt in keinster Weise gewachsen und gehören abgewählt. Schnell und mit Getöse!

Kommentar von S. Zoller |

Es sieht fast so aus, als wäre es dringend nötig, dass mehr Frauen in die Politik einsteigen. Wir bemühen uns seit Jahren um mehr Ruhe bzw. weniger Lärm im Kanton St.Gallen, auch mit Erfolg. Doch Corona hat Vieles verschlimmert. Offensichtlich gibt es jetzt noch mehr Menschen, denen es zuhause dermassen langweilig geworden ist, dass ihr einziger Ausweg in der Lärmverschmutzung von «schönen» Gegenden besteht.
Es ist dringend nötig, dass in Bundesbern Nägel mit Köpfen gemacht werden. Bleibt zu hoffen, dass den älteren Herren in Bern langsam der Pfus ausgeht und mehr Damen, auch jüngere, nachrutschen, deren Gehör noch etwas feiner ist, damit sie die hohen Dezibel-Lautstärken nicht nur als Blubbern wahrnehmen!

Kommentar von Baumann Nicole Esther |

Herzlichen Dank für die zwei Beiträge, welche mir aus dem Herzen sprechen. Solange sich Kantone bei Lärmvermeidungsbauten Sanierungserleichterungen trotz erhaltenen Bundesgeldern erteilen können und damit die Lärmsanierungen blockieren, werden Betroffene nicht ernst genommen und geschützt., Politiker:innen sind dafür zur Verantwortung zu ziehen und sollten sich für Datenerhebungen und Messeinrichtungen einsetzen und Lärmrowdies nicht als harmlose Spezies abtun. Dieses Verhalten verursacht neben gesundheitlichen und psychosozialen Folgen versteckte Kosten im Gesundheitswesen, welche wir alle tragen müssen.

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